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Überblick

Der Begriff „Minnesang“ oder „Minnelyrik“ bezeichnet verschiedene mittelhochdeutsche Formen der Liebesdichtung, vom 12. bis maximal ins 14. Jahrhundert. Minnedichter waren dabei immer Komponisten, Dichter und Vortragende zugleich.

Der Begriff ‚Minne‘ wird dabei gern einfach als ‚Liebe‘ übersetzt, doch beinhaltet er eigentlich viel mehr Facetten. So ist er auch eine Bezeichnung für Nächstenliebe, religiöse Liebe (z.B. die Liebe Gottes zu den Menschen), Freundschaft und Elternliebe – sinnliche Liebe und Zuneigung stellt also nur eine von vielen Bedeutungen dar. Unbedingt zu beachten ist dabei auch, dass Minne keineswegs nur im Minnesang thematisiert wird – auch wenn die Begrifflichkeit das suggerieren kann. Gerade das Liebesbild der hohen Minne tritt nämlich umfangreich auch im höfischen Roman auf, beispielsweise im Eneasroman.


  Ein Liebespaar auf S. 249v der Heidelberger Manesse

Entwicklung und Geschichte

Wohl schon vor dem frühen 12. Jahrhundert gab es in den deutschen Landen eine Art Minnesang, den sogenannten donauländischen Minnesang, von dem aber nicht viel erhalten ist. Der eher bekannte, romanische, Minnesang entstand um 1100 im Süden des heutigen Frankreichs, der damals jedoch nicht zum Frankenreich gehörte, sondern aus selbstständigen Herrschaften bestand. Die dortigen Minnesänger wurden Trobadors genannt und brachten eine ganz neue Kunstform nach Europa.

Das Spezifische dieser Kunstform ist vor allem das besondere und dabei ganz neue Liebesmodell: Im Mittelpunkt steht die Liebe und Verehrung des Sängers zu einer verheirateten adligen Dame (vrouwe), die auch während des Vortragens anwesend war. Diese Liebe wird zwar im Gesang als vornehm und wahr dargestellt, bezeichnete aber kein reales Verhältnis.

Der Sänger warb um eine Dame und beteuerte seine Treue und Dienstbereitschaft. Die Liebe beeinflusste, ja quälte mitunter, seinen gesamten Körper und bedeutete ihm dabei alles. Die Liebe selbst und vor allem die sichere Gefahr, dass sie nicht erfüllt werden würde, wird teilweise sogar so mächtig dargestellt, dass der Sänger daran zu zerbrechen drohte. Problematisch war dabei natürlich, dass die Dame verheiratet war und die gesellschaftlichen Zwänge damit die Liebe dazu verdammten, unerfüllt zu bleiben. Die Liebe wurde dabei keineswegs negativ gedeutet. Vielmehr wurde ihre Aufrichtigkeit und Beständigkeit betont und solange sie unerfüllt blieb, galt sie sogar als richtig und wertvoll.

Dieses Liebesmodell verbreitete sich im Laufe des 12. Jahrhunderts zunehmend im Norden Europas und erreichte ab etwa 1170 auch die deutschen Minnesänger. Bis etwa 1320 sollte die romanisch gefärbte Minnelyrik nun zu einer der beliebtesten Künste an den deutschen Höfen werden.

Insgesamt lassen sich so vier Phasen des deutschen Minnesangs unterscheiden:

Phase

Zeit

Charakteristika

Vertreter

1

Mitte des 12. Jahrhunderts

donauländischer Minnesang (bis 1170):

  • natürliche Auffassung von der Liebe
  • vergleichsweise ungekünstelt
  • aber: durchaus standesgebundene Formen und Symbole
  • die Ursprünge dieser nicht ganz eigenen Gattung sind bisher unbekannt

    außerdem: früher romanischer Minnesang

Dietmar von Aist







Rudolf von Fenis

2

1170-1190

hoher Minnesang

  • v.a. im Ober- und Mittelrhein
  • im Vordergrund steht der Frauendienst, also das Dienstverhältnis zwischen Ritter und höfischer Dame
  • zentrale Begriffe: triuwe (Treue), mâze (Maß, Bescheidenheit), hôher muot (Hochstimmung, Stolz)
  • gerade der Minnesang dieser Zeit wurde häufig mit der Kreuzzugsthematik verbunden

Heinrich von Veldeke
Friedrich von Hausen

3

1190

Höhepunkt

  • die Macht und Gnadenlosigkeit der Minne wird immer mehr hervorgehoben – auch in anderen Gattungen
  • Auftreten der niederen Minne

Heinrich von Morungen
Reinmar der Alte
Walther von der Vogelweide

4

13. Jahrhundert

Ausklang

  • Form und Themen wurden zunehmend variiert und zugleich die hohe Minne immer wieder parodiert
  • Nachfolge: Meistersang

Neidhart von Reuental, Heinrich von Meissen

 

Minnelieder und Handschriften

Gerade Minnelieder sind in den verschiedensten Handschriften überliefert, sodass sich viele unterschiedliche Varianten ergeben haben. Anzahl und Reihenfolge der Strophen, Kombinationen, Wortlaut und Schreibung unterscheiden sich manchmal enorm.

Dafür lassen sich zweierlei Gründe finden: Einerseits könnten die Handschriften entstanden sein, während das Lied mündlich gesungen wurde und ggf. noch im Verändern begriffen war, sodass von Hof zu Hof, von Stadt zu Stadt andere Niederschriften entstanden. Andererseits könnten die Minneverfasser selbst Fassungen erstellt haben, die für die Handschriften abgeschrieben wurden, wobei die üblichen Abweichungen, Fehler oder Uminterpretationen der Schreiber entstanden. Beide Gründe weisen aber in jedem Fall darauf hin, dass Beweglichkeit offenbar ein genuines Merkmal der Minnelyrik ist.

X

  

Dieser Ausschnitt der Jenaer Liederhandschrift zeigt, dass einige Handschriften sogar Noten beinhalten. Bei deren Deutung ist aber Vorsicht geboten, da sich das mittelalterliche Notensystem deutlich von dem heutigen unterscheidet.

Die Heidelberger Manesse (Handschrift C) ist ein besonders gutes Beispiel dafür, dass Strophen mitunter durcheinander auftreten und Gedichte bisweilen sogar über Seiten zusammengesucht werden müssen.

Minne und Gesellschaft

Der Minnesang wurde v.a. in kulturellen Zentren vorgetragen, also an Fürstenhöfen und in Städten, sodass die wenigsten Minnesänger sesshaft waren. Die meisten reisten vielmehr von Hof zu Hof und von Stadt zu Stadt.

Auch spiegelten Minnelieder die höfischen Vorstellungen und Prinzipien, Konventionen und Pflichten, sodass Minnesänger auch immer eine didaktische Funktion übernahmen: Sie belehrten über vorbildliches Verhalten, sodass der Minnesang stets auch einen Verhaltenskodex erzeugte.

Arten des Minnesangs

Das Thema der Minnelyrik war – zumindest in der hohen Minne – prinzipiell relativ gleich: Ein Mann umwarb eine höfische Dame, der es nicht gestattet war, seine Liebe zu erwidern. Die Aufgabe des Dichters bestand darin, diese Thematik immer wieder neu zu gestalten, zu ergänzen und so immer neu zu entfalten. So werden heute v.a. folgende vier Arten des Minnesangs unterschieden:

Minnekanzone

Bitte des Sängers, erhört zu werden, die oft mit einer entsprechenden Klage über seinen Misserfolg verbunden ist.

Frauenlied

Die umworbene Dame reflektiert über ihren Konflikt, d.h. über ihre – meist aussichtslose – Position zwischen Liebe und gesellschaftlicher Norm.

Wechsel

Mann und Dame singen und schwärmen abwechselnd übereinander.

Tagelied

Im Tagelied wird erzählt, wie sich das Paar nach einer heimlichen Liebesnacht voneinander trennen muss, um nicht entdeckt zu werden.

 

Hohe und niedere Minne

Die bisherigen Ausführungen bezogen sich v.a. auf die hohe Minne, bei der es sich eher um ein Gesellschaftsspiel handelt, da die Liebe nicht echt ist. Eine unerreichbare Frau hohen Standes wurde hier idealisiert und erhöht, Ende des 12. Jahrhunderts traten dabei sogar erotische Beschreibungen auf – insgesamt blieben hôher minne aber eher platonisch.  Meist ging es bei der hohen Minne darum, dass der Sänger seine eigene höfische Gesinnung zeigt und die ideale höfische Gesellschaft aufzeigt – eine Gesellschaft, in der Ritter mâze, triuwe und Unterwürfigkeit, Damen Emotionalität und Disziplin zugleich zeigen, kurzum beide sich ihrer gesellschaftlichen Position bewusst sind. Dementsprechend beinhalten Lieder der hohen Minne auch recht fest abgesteckte Themenkreise: Typisch ist das Besingen der Frau, v.a. bezogen auf ihre Schönheit, die Beschreibung der Macht der Minne und die Klage des lyrischen Ichs über die Unerfüllbarkeit seiner Liebe.

Anders sieht es in der niederen Minne aus, die erst am Ende des 12. Jahrhunderts auftritt. Hier geht es um echte Liebe zu ‚erreichbaren‘, also nicht adeligen, Frauen, sodass auch die Erfüllung der Liebe thematisiert wird. Der Begriff rührt insbesondere daher, dass Adel und Klerus ‚ihre Liebe‘ als zivilisiert, diszipliniert und damit höherstehend ansahen und diese Eigenschaften zugleich den niederen Ständen absprachen. Die niedere Minne beschreibt sowohl die körperlichen Eigenschaften der besungenen Personen als auch die Durchführung von Liebeshandlungen mit Diesen. ist insgesamt durchaus mehr von Körperlichkeit und Nähe geprägt und wirkt gerade auch dadurch deutlich authentischer.

Quellen

Literatur

Hübner, Gert: Ältere deutsche Literatur. Eine Einführung. Tübingen 2006.

Lexer, Matthias: Mittelhochdeutschs Taschenwörterbuch. Stuttgart 1992.

Weddige, Hilkert: Einführung in die germanistische Mediävistik. München 1997.

Abbildungen

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http://upload.wikimedia.org/wikipedia/commons/4/48/Jenaer_liederhandschrift.jpg - zuletzt besucht: 19.04.2012 21:33.

http://upload.wikimedia.org/wikipedia/commons/9/9f/Codex_Manesse_127r.jpg - zuletzt besucht: 19.04.2012 21:34.

Weiterführende Literaturhinweise

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